Gustav-Adolf-Werk Kurhessen-Waldeck e.V.

Gustav-Adolf-Werk Kurhessen-Waldeck e.V. – Aktuelles

14.12.2018

Evangelische Gemeinde in Beirut

Brief von Pfarrer Jürgen Henning

Nun bin ich gerade einmal zwei Monate im Libanon und habe mich doch schon sehr gut eingelebt in die Stadt, das Land und nicht zuletzt in unsere Gemeinde. Ich konnte bereits einige schöne Gottesdienste mit der Gemeinde in unserer Kirche feiern, die sehr viel Geborgenheit ausstrahlt und so immer ein wichtiger Sammlungsort für Menschen deutscher Sprache war und ist, nicht zuletzt in den traurigen Zeiten des Krieges.

Das Erntedankfest aber begingen wir unter freiem Himmel in den Bergen über Beirut, verbunden mit einem Gemeindeausflug dorthin.

Und auch den Friedensgottesdienst zum Volkstrauertag halten wir außerhalb: auf unserem deutsch-französischen protestantischen Friedhof, der eine Oase in dieser dicht bebauten Stadt darstellt. In diesem Jahr im Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren. Auf unserem Friedhof befinden sich auch einige Gräber deutscher Soldaten aus dieser Zeit. Sofort bin ich auch gern in das Team unserer Kinder- und Jugendarbeit eingestiegen; dies war ja stets eine „Spezialität" von mir in Korbach. Gemeinsam bereiten wir die Nachmittage vor, immer freitags mit bis zu 25 Kindern, die größtenteils mit ihren Eltern in die Gemeinde kommen. Das ist für mich eine gute Gelegenheit, auch mit jüngeren Menschen in Kontakt und ins Gespräch zu kommen, die meist als Entsandte deutscher, schweizerischer und österreichischer Organisationen für drei bis fünf Jahre im Lande sind. Denn insgesamt ist unsere Gemeinde eine „alte" Gemeinde. Zu ihr gehören viele Frauen, inzwischen überwiegend Witwen, die mit Libanesen verheiratet waren und sind. Sie haben ihre Männer zumeist im Studium in Deutschland kennengelernt und sind mit ihnen in den Libanon gezogen. Nun sind die Kinder oft nach ihrem Studium in Deutschland und anderswo im Ausland ansässig, und die Frauen sind allein zurückgeblieben. Nach Deutschland zurückzukehren ist für sie keine Option, ist der Libanon nach z. T. 50, 60 Jahren doch zur gleichwohl fremden Heimat geworden. Ein wichtiges Stück alter Heimat in der Fremde aber war und ist für sie immer unsere Gemeinde. Jeden Dienstagvormittag ist Frauentreff und da ein reges Gewusel, das keine missen möchte. Nebenbei: Man kann dann auch deutsches Brot kaufen, das von einer Bäckerei im Süden des Landes gebracht und verkauft wird.

Einige Repräsentationspflichten als Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland habe ich auch wahrzunehmen. Eine gelegentliche nette Abwechslung in meinem ansonsten gleichwohl interessanten pfarramtlichen Alltag, der im Übrigen ein höheres Maß an administrativen Aufgaben beinhaltet als das in Deutschland der Fall war. Es gibt hier eben kein Kirchenkreisamt, das man wohl erst so richtig zu schätzen lernt, wenn man es nicht mehr hat.

Als Pfarrer hier bin ich auch in der Sozialarbeit unserer Gemeinde engagiert, zumal wir keine Sozialarbeiterin mehr haben. Diese Aufgabe hat 9 Jahre lang ehrenamtlich die Frau meines Vorgängers wahrgenommen. Unsere Gemeinde unterstützt irgend in Not geratene Deutsche oder Libanesen mit deutschem Hintergrund oder sonst „Gestrandete", die den Weg in unsere Gemeinde finden - ideell und vor allem auch finanziell. Manche Witwe kann ihren Lebensunterhalt ohne unsere Hilfe nicht bestreiten, die Renten sind sehr gering. Hinzu kommen manchmal Schwierigkeiten innerhalb der Großfamilie nach dem Tod des Mannes.

Zu unserem sozialen Engagement zählt auch die Hilfe, die wir syrischen Flüchtlingen zukommen lassen, vor allem syrischen Kindern: in Zusammenarbeit mit zwei libanesischen
Hilfsorganisationen bringen wir Spendengelder aus Deutschland zum Einsatz, unterstützen und ermöglichen die Nachmittagsbeschulung syrischer Schulkinder vor allem in der Beka-Ebene. Ich habe die Lage und entsprechenden Einrichtung schon in Augenschein nehmen können. Dabei ist mir eine zu einem persönlichen „Sorgenkind" geworden, auch weil sie von keiner der großen internationalen Hilfsorganisationen unterstützt wird, aber doch da, wo sie ist, genau richtig und notwendig und in ihrer unvorstellbaren „Bescheidenheit" gut ist. Sie braucht und verdient alle erdenkliche Unterstützung: die Flüchtlingsschule von Elias Fadel in Naáme.

Elias Fadel, libanesischer Christ, lebte und arbeitete als Lehrer in Griechenland. Nach seiner Pensionierung kehrte er vor vier Jahren in sein Heimatdorf Naáme in den Süden des Libanon nahe Sidon zurück. Er fand dort eine große Ansammlung syrischer Flüchtlinge in und um das Dorf vor, die auf engem Raum in Wohnungen, Häusern und Notunterkünften seit Jahren irgendwie überleben. Und er sah viele Kinder auf den Straßen, während ihre libanesischen Altersgenossen zur Schule gingen. Die öffentliche Schule nahm keine syrischen Kinder mehr auf: kein Platz, keine Lehrkräfte, keine Kapazitäten! Sie blieben sich selbst überlassen, sie blieben vor allem ohne Bildung. Das konnte ihn nicht kalt lassen. Er sah sich gedrängt, irgendetwas zu unternehmen. So mietete er Räume in einem Haus neben der staatlichen Schule an, fand unter den syrischen Flüchtlingen einige Lehrerinnen und Lehrer, die er für wenig Lohn „anstellte", kaufte von irgendwoher gebrauchte Schulmöbel und begann mit dem Unterricht.
Inzwischen lebt und schläft er in der Schule, ist 24 Stunden vor Ort. Als er begann, waren es 120 Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen drei und neun Jahren. Mit der Zeit nahm er immer mehr Schülerinnen und Schüler auf, die die Eltern zu ihm brachten, weil er großes Mitleid für sie empfand – obwohl die Zahl längst die Räumlichkeiten sprengte: Inzwischen sind es 398 Schülerinnen und Schüler von der Vorschulklasse bis zur 8. Klasse, die in Schichten unterrichtet werden in altersmäßig gemischten Klassen.

In der „Vorschulklasse" unter Vier- und Fünfjährigen lernte ich zwei elfjährige Jungs kennen, die zuvor nie eine Schule von innen gesehen hatten, komplette Analphabeten. Nie habe ich spürbar dankbarere Schülerinnen und Schüler gesehen als in dieser Schule.

Mit herzlichen Grüßen in Verbundenheit des Glaubens
Pfarrer Jürgen Henning

 

Der Brief mit Fotos als PDF-Datei

Weiter Informationen: http://www.evangelische-gemeinde-beirut.org

Kontakt: info@evangelische-gemeinde-beirut.org



 

 

 

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